Zukunft der Wahlprognose

Die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten und der Volksabstimmung über den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU haben vor allem deswegen so stark überrascht, da die Meinungsforschungsinstitute im Vorfeld zu anderen Ergebnissen gekommen waren.

Wird die Meinungsforschung dadurch für die Zukunft sinnlos oder zumindest unglaubwürdig?

Um sich dieser Frage zu nähern, lohnt es sich, die Ursachen für die falschen Prognosen näher zu untersuchen.

Ein Teil der Wahrheit besteht darin, dass in telefonischen Umfragen einige der Befragten den Umfrageinstituten nicht die Wahrheit sagen. Dies liegt wiederum daran, dass in telefonischen Interviews nicht gerne zugegeben wird, jemanden wählen zu wollen, der politisch eigentlich nicht korrekt ist. Dasselbe Phänomen erleben wir auch in Deutschland, wo die tatsächlichen Wahlergebnisse der AfD regelmäßig deutlich entfernt von den Prognosen liegen. Und ebenso lässt sich dieser Effekt für die Ergebnisse der Rechtspopulisten in Frankreich nachweisen.

Die öffentliche Verunglimpfung dieser Parteien und ihrer Wähler durch die Medien führt eben nicht dazu, dass diese nicht gewählt werden, sondern dass ihre Wähler lieber nicht öffentlich dazu stehen mögen. Die Wähler von Trump wurden vor der Wahl von den Medien und dem „Establishment“ als dumm, rassistisch, frauenfeindlich, rückwärtsgewandt und Trump selbst als Clown diffamiert. Das hat seine Wähler nicht abgeschreckt, ihn zu wählen, aber viele hat es abgeschreckt, sich öffentlich zu ihm zu bekennen. Kaum ein Prominenter hat ihn z.B. öffentlich unterstützt, wie es bei sonstigen Präsidentschaftswahlen eigentlich üblich war.

Für diese These spricht auch, dass eine Umfrage der University of South California sehr klar den Sieg von Trump prognostiziert hat. Diese Umfrage wurde online durchgeführt. In Onlineinterviews sind Menschen eher bereit, die Wahrheit zu äußern, als in Telefoninterviews, da dabei kein persönlicher menschlicher Kontakt besteht.

Dieses Unschärfenproblem tritt also dort auf, wo die öffentliche Meinung deutlich von der veröffentlichten Meinung abweicht. Auch bei uns ist im nächsten Jahr Bundestagswahl und die Prognosen der Ergebnisse für die AfD sollten mit diesem Wissen als signifikant zu gering angesehen werden.

Die Qualität der Meinungsforschung ist entscheidend davon abhängig, wie auskunftswillig und auskunftsfähig die Befragten sind. Wenn sie nicht willig sind, die Wahrheit zu sagen, ist das Ergebnis falsch. Darüber hinaus gibt es aber auch viele Unentschlossene, die teilweise bis zum Moment der Stimmabgabe zögern, wo sie ihr Kreuz machen wollen. Aber auch diese Personen erwecken in Umfragen teilweise den Anschein, sich entschieden zu haben, verhalten sich dann aber anders, als in der Umfrage angegeben.

Manche US-Institute verweisen darauf, dass Clinton ja tatsächlich mehr Stimmen als Trump erhalten hat. Wenn das Ergebnis der Umfragen also lautete, dass Clinton mehr Stimmen bekommen würde, war es zwar richtig, sagt aber bei dem amerikanischen Wahlsystem mit Wahlmännern nichts darüber aus, wer der nächste Präsident der Vereinigten Staaten wird. Wir können hier sicher über das amerikanische Wahlsystem trefflich diskutieren, das es zulässt, mit weniger Stimmen zu gewinnen. Die Umfragen wurden bundesweit in den USA durchgeführt, sie hätten aber für jeden Staat einzeln ausgewertet werden müssen, um für jeden einzelnen Bundesstaat gesondert zu berechnen, wer gewinnt und damit alle Wahlmänner auf sich vereint. Diese Fehlerquelle haben wir in Deutschland nicht, da bei uns die Partei mit den bundesweit meisten Stimmen die Wahl gewinnt.

Wenn man Presseberichten glauben darf, wurde darüber hinaus in den Vereinigten Staaten auch noch ein methodischer Fehler in den Umfragen begangen, indem überproportional viele Interviews in urbanen Gebieten stattgefunden haben und weniger in den ländlichen Gebieten, in denen Trump überdurchschnittlich viele Anhänger hat. Auch diese Fehlerquelle dürfte bei den nächsten Wahlen zum Deutschen Bundestag nicht existieren, da unsere Umfrageinstitute ein den Anteilen in der Bevölkerung entsprechendes Verhältnis zwischen Land- und Stadtbevölkerung in ihren Stichproben sicherstellen.

Hinzu kommt aber noch ein weiterer methodischer Effekt bei Umfragen. Die Ergebnisse von repräsentativen Telefonbefragungen werden in den letzten 15 Jahren ungenauer, da viele Menschen nicht mehr über ein Festnetztelefon erreichbar sind, auf denen die Umfragen durchgeführt werden, sondern nur noch über Mobiltelefone. Die Ergebnisse von Onlineumfragen werden gleichzeitig immer genauer, da immer mehr Menschen über das Internet erreicht werden können. 80 Prozent der Deutschen sind inzwischen online. Früher war die Verbreitung von Festnetzanschlüssen in Deutschland bei nahezu 100 Prozent, diese ist aber inzwischen auf 90 Prozent gesunken. Gerade die jüngere Bevölkerung verzichtet zunehmend auf einen Festnetzanschluss, während annähernd 100 Prozent der Älteren nach wie vor einen solchen nutzen. Online sind dagegen fast 100 Prozent der Jungen, aber nur 45 Prozent der über 60-Jährigen.

Die Meinungsforscher diskutieren jetzt jedenfalls sehr offen und selbstkritisch, wie solche Fehlprognosen zukünftig vermieden werden können und ob es nicht treffsichere Prognoseverfahren gibt, die nicht mehr auf Befragungen basieren. Beispielsweise haben Social Media-Analysen sowohl beim Brexit als auch bei der US-Wahl deutliche Zeichen für den richtigen Ausgang erkannt. Die emotionale Aktivierung von Wählern im Internet und über das Internet war sowohl bei den Brexitbefürwortern als auch im Trumplager erheblich höher. Die TV-Debatten hat er zwar verloren, aber im Internet waren die Stimmen seiner Anhänger lauter.

Um die Qualität zukünftiger Wahlprognosen zu verbessern, sollten unsere Institute die oben beschriebenen Effekte berücksichtigen. Sie könnten aus den Erfahrungen über die Höhe des Prognosefehlers bei den Ergebnissen der AfD in Landtagswahlen einen Korrekturfaktor berechnen und diesen auf die Bundestagswahl anwenden. Zusätzlich sollten neue Instrumente der Onlineforschung und der Social Media-Forschung als ergänzende Informationsquellen hinzugezogen werden.