Ein Marktforscher in Asien

Digital Trend Tour Asia 2017 – Erfahrungen einer Delegationsreise nach Tokyo und Peking

Reisen bildet. Nachdem ich im letzten Jahr in Silicon Valley der Frage nachgegangen bin, wie dort Innovationen entstehen und welche Möglichkeiten Marktforscher haben, Innovationsprozesse zu begleiten, habe ich im Mai diesen Jahres mit einer Unternehmerdelegation Tokyo und Peking besucht.

Wichtig war dabei für mich auch zu lernen, wie in Tokyo und Peking das Zusammenspiel zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik funktioniert und Innovationen hierdurch erleichtert werden. Und welche Lehren wir daraus für Hamburger Innovationspolitik ziehen können.

In beiden Städten konnten wir lernen, dass es eine hervorragende deutsche Infrastruktur gibt, die Deutschen Unternehmen, die in den japanischen oder chinesischen Markt eintreten möchten, den Weg vereinfachen. Viele Deutsche, die Japanisch oder Chinesisch gelernt haben, leben dort und öffnen Türen für deutsche Unternehmen.

Als Auftakt bekamen wir eine Einführung eines Japanischen Universitätsprofessors in die Japanische Geschäftswelt. Wir haben gelernt, wenn man in Japan Geschäfte machen möchte, man sich erst einmal langsam Vertrauen aufbauen muss. Japaner seien weniger auf schnelle Geschäfte aus.

Japan ist im Gegensatz zu den USA in der Infrastruktur sehr stark. Bahnen, Straßen, Brücken sind in einem sehr guten Zustand. Allein die Schnellzüge des Streckennetzes Shinkansen generieren 100 Mrd Dollar Umsatz jährlich.
Auf den Straßen ist weniger los als man denkt. Der Massentransport findet unterirdisch statt.

Das mobile Internet war 8 Jahre früher als in Deutschland etabliert. Auch in der LED Beleuchtungs-Technologie ist Japan ganz weit vorne.

Die Wissenschaft zählt in der Wirtschaft nicht so viel. Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sind selten. In der Wissenschaft werden viele Erfindungen gemacht, die niemals zu Produkten werden. Die Wirtschaft entwickelt Innovationen auch ohne die Wissenschaft.

Innovationen werden meist von den Forschungsabteilungen der Großunternehmen geschaffen. Mittelständler tun sich schwer mit Innovationen. Auch von staatlicher Seite wird wenig dafür getan. Ein Zusammenspiel zwischen den drei Ebenen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft findet praktisch nicht statt. Politisch wird geholfen durch Kontakte und möglichst einfache Genehmigungsverfahren.

Die Methoden der Marktforscher, Innovationsprozesse zu begleiten, sind hier sehr ähnlich, wie in Amerika und Europa. Open Innovation, Design thinking, Rapid Prototyping und Produkttests sind auch hier längst angekommen. Die Innovationslabore der großen Unternehmen bedienen sich der weltweit gängigen Methoden.

Japanische Unternehmen sind an ständigen Verbesserungen interessiert. Dies kommt der Entwicklung von Innovationen zugute. Der Kunde ist nicht König, sondern Gott.

Es gibt zwar eine Startup-Szene, diese ist aber im Vergleich zu vielen anderen Ländern eher unterentwickelt. Innovative Ideen von Kleinunternehmern werden sehr schnell von den Großen gekauft und absorbiert. Die Bereitschaft nach der Uni zu gründen ist gering wegen des hohen sozialen Risikos. Scheitern ist in Japan gesellschaftlich problematisch. Daher sind Unternehmens-Gründer in der Regel mindestens 45 Jahre alt sind, da sie erst dann über die nötigen Netzwerke verfügen.

Die Bevölkerung von Japan ist zwischen 1967 und heute von 96 auf 126 Mio Einwohner gestiegen. 70 Prozent der Japaner leben in Ballungszentren. Da muss man sich an die Enge anpassen. Harmonie zwischen den Menschen hat eine hohe Bedeutung. Dadurch pflegt man einen sehr höflichen Umgang. Man sagt z.B. nicht direkt nein, sondern umschreibt es.
Probleme gibt es inzwischen allerdings mit einer aktuell sinkenden und alternden Bevölkerung.

Innovationen entstehen in Japan als Folge gesellschaftlicher Notwendigkeiten. Z.B. die Entwicklung platzsparender Transportmittel, Roboter für die Altenpflege, die Konstruktion flexibler Bauwerke, die Erdbeben standhalten, Maßnahmen zur Müllreduktion und zum effizienten öffentlichen Personentransport.

Japan ist der zweitgrößte Entertainmentmarkt der Welt. Animierte Filme und animierte Stars wachsen stark. Man jubelt virtuellen Mangas auf echten Konzerten zu.
Japan ist der drittgrößte Spielemarkt der Welt, insbesondere mobile Spiele werden gekauft.

Investiert wird auch in Firmen, die helfen, die Umwelt zu schützen, Effizienzverbesserungen beim Lernen zu erreichen und die die Lebensqualität von Menschen verbessern. Gesundheitsprävention ist ein großes Thema. Mit Hilfe von Sensoren im menschlichen Körper sollen große Mengen Daten gesammelt werden, die in Echtzeit Informationen über Körperfunktionen liefern, um ein Frühwarnsystem für schwere Krankheiten zu etablieren.

Fomm hat einen Prototypen für ein Auto gebaut, das auch auf dem Wasser fahren kann. Damit ist man für den nächsten Tsunami vorbereitet.
Autonomes Autofahren ist ein wichtiges Forschungsthema.

Ebenso autonomes Fliegen von Drohnen, z.B. um Pakete abzuliefern. Diese Transportmittel werden z.B. für Bluttransporte in Afrika eingesetzt.

Im Future Center von Fuji Xerox haben wir viel über Arbeitsorganisation für kreativen und innovativen Output gelernt. Sie geben ihren Mitarbeitern die Möglichkeit, aus der Routine auszubrechen und neu zu denken. Sie bringen hierfür unterschiedliche Professionen und auch externe Spezialisten zusammen, die Innovationsprozesse gestalten.

Für die Entwicklung von Innovationen im 20 Jahrhundert musste wenig gelernt und viel ausgeführt wurde. Im 21 Jahrhundert müssen wir viel mehr lernen und weniger ausführen. Dies hört der Marktforscher natürlich gerne, denn wir liefern die Informationen, die zum Lernen erforderlich sind.

Die Organisation solle weniger hierarchisch sondern als Netzwerk von Projektspezialisten aufgebaut werden. Das allerdings scheint noch in weiter Ferne, denn auch dort waren die Hierarchien deutlich zu spüren.

Aktuelle Themen sind hier die künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge und Robotik, insbesondere medizinische Roboter.

Tokyo wird im Jahr 2020 die Olympischen Spiele ausrichten. Die Regierung setzt sehr auf eine Digitalstrategie. Auch das Sicherheitskonzept ist beeindruckend. Sie arbeiten mit Kameras und einer Software zur Gesichtserkennung mit der jeder Besucher olympischer Spielstätten erfasst wird. Im Stadion kann aus 30.000 Zuschauern jede Person innerhalb von einer Minute lokalisiert werden.

Die olympischen Spiele sollen dafür genutzt werden, um Japan weltweit als Vorreiter von Wasserstoffmobilität bekannt zu machen. Das Mobilitätskonzept setzt auf Wasserstoffautos und damit einen besonders umweltfreundlichen Transport der Sportler und Besucher. Sie bauen aktuell ein großes Netzt aus Wasserstofftankstellen auf.

Die olympischen Medaillen werden aus Rohstoffen produziert, die aus alten Elektrogeräten recycelt werden. Alte Handys werden gesammelt und die Rohstoffe aufbereitet. 2 Tonnen Gold, Silber und Kupfer werden für 5.000 Medaillen benötigt.

Die Spiele werden übrigens in Tokyo auch überwiegend von der Bevölkerung getragen. Sie wurden allerdings nicht um ihre Zustimmung gefragt.

Dann haben wir das Innovationslabor von Panasonic besucht. Dort konnten wir eine Küche bestaunen, die vollständig über Sprache gesteuert werden kann. Großartig ist, auf welche Flächen hochauflösende Projektionen von Bildern oder Videos in Bildschirmqualität erfolgen. Insbesondere auf Glas, Wänden oder Möbeln. An der Decke des heimischen Schlafzimmers kann man sich z.B. morgens nach dem Aufwachen eine Projektion der nächtlichen Nachrichten, des Wetters und den heutigen Terminkalender anzeigen lassen. Bildschirme werden so überflüssig.
Sie haben einen Spiegel entwickelt, der eigentlich ein Bildschirm ist, auf dem man die Farbe seiner Kleider verändern kann, oder in dem sich Frauen Schminktips an sich selbst ansehen können.

Den Abschluss unseres Aufenthalts in Tokyo bildete ein Besuch der Toyota Autostadt, in der wir Studien für autonome Autos und Wasserstoffautos sehen konnten.

Peking

Nach drei Tagen Tokyo sind wir dann nach Peking geflogen, wo uns tatsächlich ein blauer Himmel erwartete. Da zu der Zeit die Seidenstraßenkonferenz tagte, auf der eine Vielzahl von Staats- und Regierungschefs anwesend waren, hatte die Regierung kurzerhand alle Baustellen der Stadt lahmgelegt, die Kraftwerke und Fabriken im Umkreis der Stadt abschalten lassen und schon ist vom sonst üblichen Smog keine Spur mehr.

Am Flughafen werden Sie von einer Wärmekamera durchleuchtet und wenn Sie Fieber haben, werden Sie direkt in Quarantäne begleitet.

Wenn Ihnen in Peking Innovationen vorgestellt werden, handelt es sich in der Regel nicht um in China erfundene Produkte sondern um Geschäftsmodelle, die in anderen Ländern entwickelt wurden und dort gut funktionieren und von chinesischen Unternehmen für den einheimischen Markt adaptiert wurden. Diese Adaption wird dort als Innovation anerkannt. Wir würden es wahrscheinlich kopieren nennen. So finden sich alle großen amerikanischen Internetgeschäftsmodelle von Amazon, Ebay, Google, Wikipedia oder Uber auch in einer chinesischen Version. Die Amerikaner werden blockiert und die chinesischen Adaptionen wachsen in atemberaubender Geschwindigkeit.
Es gibt einen neuen Markt an der Börse, über den junge Technologieunternehmen Geld bekommen.

Der Steuersatz auf Unternehmensgewinne beträgt 25 Prozent, für Technologieunternehmen nur 15 Prozent. Für ausländische Unternehmen ist es allerdings sehr schwer, in China erzielte Gewinne ins Ausland zu transferieren.

Chinas Wirtschaft befindet sich in einem Veränderungsprozess von investitionsgetriebenem Wachstum auf Wachstum durch Konsum.
Die Partei gibt hier alles vor. Vertreter der Partei sind auch in allen größeren Firmen im Management vertreten. Auch an Hochschulen und Gerichten. Es gibt durchaus Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und der Wirtschaft. Die Verzahnung zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft ist hier sehr eng.

Spannende Geschäftsmodelle haben wir auch hier kennen gelernt. Eine eigene chinesische Innovation besteht darin, Bezahldienste in Messengerdienste oder ECommerce Angebote zu integrieren. Alipay und WeChat heißen diese Anwendungen, die gigantische Wachstumsraten aufweisen.

Bytedance ist ein privater Nachrichten Verlag, der Online-Nachrichten ausschließlich für mobile Endgeräte produziert. In China beträgt der Anteil der Internetnutzung von mobilen Enderäten 68%, während er bei uns in Deutschland nur 35% beträgt. Der Verlag wurde vor nur fünf Jahren gegründet und sie haben schon 600 Mio Nutzer. Finanziert durch 1,2 Mrd Dollar VC. Sie stellen Berichte und Videos zur Verfügung, die auf den Endkunden individuell zugeschnitten sind. Sie erreichen damit 1 Mrd Videoabrufe pro Tag. Ein User schaut durchschnittlich 20 Videos pro Tag. 130.000 Artikel werden pro Tag hochgeladen. Von über 2000 Medienpartnern wie Reuters, Bloomberg, CNN und anderen großen Verlagen. In China liest keiner mehr eine Zeitung, man hat auch keine Kreditkarten mehr. Es geht alles über das Handy.

Die größte Herausforderung für die Nachrichtenportale ist die Zensur in China. Es scheint allerdings, als hätten sich die meisten Unternehmen damit abgefunden. Was bleibt ihnen auch anderes übrig?

Sehr populär sind Leihfahrräder, die über QR Codes funktionieren und die überall in der Stadt aufgenommen und auch wieder abgestellt werden können. Man verzichtet dort also auf feste Aufnahme- und Abgabepunkte, wie wir sie bei uns haben. Oft gesehen habe ich auch elektronische Motoroller, die einen Beitrag zur Schonung der Luft leisten.
Die Einkindpolitik in China wurde aufgegeben. Es werden also zukünftig mehr Kinder geboren. Robotera bietet digitale Bildung. Wenn man z.B. eine Programmiersprache lernen möchte, gibt es an den Schulen keine Lehrer, die Programmiersprachen lehren können. Die Ingenieure haben aber keine Lust zu unterrichten. Sie haben daher eine Robotiklösung für Schüler entwickelt, die keine fachlich vorgebildeten Lehrer erfordert. Die Hardware wird an die Schulen verkauft. 
Die Kinder bauen kleine Roboter aus Bausätzen. Um den Robotern etwas beizubringen, müssen sie die Bedienung der Software lernen. Das wird Ihnen auch über Software beigebracht.

Virtual Reality ist wie in Amerika auch hier ein wichtiges Zukunftsthema.
Eine sinnvolle Anwendung für Virtual Reality Brillen ist das Erlernen von Sprachen. Man kann sich darüber z.B. mit einem Nativspeaker in einer fremden Sprache unterhalten.

Ikea hat einen Store in einer virtuellen Realität designt, mit dem Sie Markforschung betreiben. Anwendungen gibt es auch im Wohnungsbau und in der Touristik. Man kann zukünftige Gebäude zeigen und durch die Räume gehen.

Baidu ist das chinesische Google und rein privat gegründet. Sie haben 50.000 Mitarbeiter und sind die wichtigste Online-Suchmaschine in China mit einem Marktanteil von 78%. Ca 10 Mrd Dollar Umsatz. 500 Mio Nutzer pro Tag.
Sie haben viele Geschäftsmodelle, die in den USA erfolgreich sind, kopiert und in die Plattform integriert.

Während wir in Peking waren, tagte die Seidenstraßenkonferenz und das Sicherheitsaufgebot war ähnlich, wie in Hamburg zum G20 Gipfel. Die chinesische Regierung hat mit der Seidenstraßenkonferenz ein gigantisches Investitionsprogramm in Landinfrastruktur auf den Weg gebracht, das die alten Handelswege über Land nach Europa, in den nahen Osten und Afrika wieder beleben soll. Offenbar eine Reaktion auf die amerikanische Amerika first Politik von Donald Trump.

Künstliche Intelligenz ist in beiden Städten, die wir besucht haben, ein wichtiges Forschungsfeld, dem wir Marktforscher uns ebenfalls nähern. Erste Einsatzgebiete sind global mit Spracherkennung, Bildererkennung, Gesichtserkennung und Emotionserkennung bereits gefunden. Spannend wird die Umsetzung dieser Anwendungsfelder in erfolgreiche Geschäftsmodelle, die einerseits die Erfordernisse des europäischen Datenschutzes erfüllen und einen tatsächlichen Mehrwert gegenüber den klassischen Analysemethoden haben.